Der Negativitäts-Bias: Gut versus Schlecht und warum Schlecht gewinnt

Menschen denken nicht rational. Wir mögen die klügste Spezies auf diesem Planeten – vielleicht sogar überhaupt sein –, aber das macht uns nicht mal annähernd perfekt. Tatsächlich komme ich, umso mehr ich mich in die weite Welt der Psychologie vorwage zu dem Entschluss, dass der Gedanke, dass wir wirklich über irgendetwas von dem, was wir tun Kontrolle haben, eine Illusion ist.

Ich bin keineswegs ein Experte auf diesem Gebiet, höchstens ein Amateur, aber trotzdem möchte ich euch heute eine dieser irrationalen Verhaltensweisen unseres Gehirns vorstellen. Denn auch wenn wir nicht wirklich den Hauch einer Chance haben, unsere Irrationalität zu bezwingen, denke ich doch, dass wir uns immer genau dann ein wenig rationaler verhalten, wenn uns genau diese Irrationalität bewusst ist. Wenn wir bewusst gegen sie ansteuern.

Nachdem ich nun all das gesagt habe, lasst mich euch ein Phänomen erläutern, dass in der Psychologie als Negativity-Bias bezeichnet wird. Damit ist das Phänomen gemeint, dass das Negative das Positive aussticht. Es zählt mehr. Das bedeutet, dass wir voreingenommen in unserer Wertung von ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ sind, denn das Schlechte zählt mehr als das Gute.

Nun ist das eine Theorie der Psychologie und keine der Mathematik oder Physik. Dass das Schlechte also das Gute aussticht, ist kein festes Gesetz, wie etwa die Schwerkraft, sondern eher eine Tendenz. Aber selbst diese einfache Tendenz reicht aus, um zahlreiche Bereiche unseres Lebens, darunter besonders wichtige wie unsere Entscheidungsfindung maßgebend zu beeinflussen.

Teil 1: Überall nur Negativ

Ein besonders simples Beispiel bietet Paul Rozin. Er ist Experte auf dem Gebiet der Ekel-Psychologie und argumentiert, dass es nur eine Schabe braucht, um einen ganzen Korb voller Kirschen ungenießbar zu machen. Andersherum ändert jedoch eine Kirsche in einem Korb voller Schaben rein gar nichts an seiner ekelerregenden Wirkung.

Ich bin mir sicher, diese Feststellung wird niemanden überraschen und sie wird euch auch nicht weiter in eurem Leben beeinträchtigen. Aber das ist nur ein Beispiel für die Auswirkung des Negativity-Bias und es gibt noch so viel mehr.

Lasst uns über Freundschaften reden. Es braucht eine erstaunlich lange Zeit, um eine enge Bindung aufzubauen, aber (und ich bin mir sicher, diese Erfahrung haben schon einige von euch gemacht) es braucht nur einen großen Streit, um alles zu zerstören.

Eine Studie aus dem Jahr 1950 [Festinger, Schachter und Back] kam zu dem Schluss, dass Nähe der wichtigste Faktor für das Entstehen von Freundschaften sei. Die Personen, die am nächsten beieinander wohnen, haben also die größte Wahrscheinlichkeit Freunde zu werden. Eine auf dieser Studie aufbauende Studie fand jedoch heraus, dass Nähe ein noch wichtigerer Faktor für das Entstehen von Feindschaften sei.

Und die negativen Eigenschaften einer Person sind wichtiger für das Gelingen (oder wohl eher Scheitern) einer Freundschaft als die Positiven.

Bei sexuellen Beziehungen wird diese Differenz sogar noch deutlicher. John Gottman, Professor und Psychologie und Experte für eheliche Beziehungen, vertritt beispielsweise die Auffassung, dass eine funktionierende Beziehung viel mehr abhängig von der Vermeidung von Negativem ist als von dem Streben nach Positiven. Eine stabile Beziehung muss demnach negative Interaktionen mindestens in einem Verhältnis von 5:1 zu ein mit positiven übertreffen.

Auch in sexuellem Kontakt zeigt sich der Negativity-Bias. Eine einzige negative sexuelle Erfahrung kann den Betroffenen bis zum Ende seines Lebens negativ beeinflussen, eine positive erzeugt hingegen höchstens ein temporäres High.

Und auch wenn es um die Reaktion auf Ereignisse der Vergangenheit geht, zeigt sich diese Differenz. 1978 befragten Brickman, Coates, und Janoff-Bulman drei Gruppen von Personen: Erstens, Menschen, die kürzlich in er Lotterie gewonnen hatten, zweitens, Menschen die kürzlich in einem Unfall gelähmt wurden und eine Kontrollgruppe, die keine negativen oder positiven Erfahrungen in letzter Zeit erlebt haben. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Lotteriegewinner nicht glücklicher waren als Mitglieder der anderen beiden Gruppen. Auf der anderen Seite waren die Unfallopfer signifikant unglücklicher. Und auch sonst führt ein stark negatives Erlebnis oft zu Trauma und lebenslangen Schäden, ein glückliches Ereignis hingegen nicht zu ähnlichen positiven Auswirkungen.

Wir denken auch mehr über negative Erfahrungen nach, als wir es über positive tun. Selbst die Psychologen. Eine Studie aus dem Jahr 1985 inspizierte 17.000 wissenschaftliche Artikel und fand heraus, dass 69 % von ihnen sich mit negativen Themen beschäftigten und nur 31 % mit positivem.

Teil 2: Überleben als Ziel

Es ist uns eingebaut, das Schlechte stärker zu werten als das Gute. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für dieses Phänomen. Der typischste Erklärungsansatz ist die Evolution.

Es macht nämlich Sinn, dem Negativem mehr Wert zuordnen als dem Positivem, nämlich dann, wenn es um einfache Überleben geht. Eine negative Erfahrung, ob nun in Form einer giftigen Pflanze, eines Feindes oder etwa einem gefährlichen Lagerplatz konnte unsere Vorfahren das Leben kosten. Etwas Positives hingegen führt höchstens zu einem temporären Vorteil. Es kann unsere Überlebenschancen verbessern, aber eben nicht garantieren. Das kann nur die Vermeidung des Negativen. All jene die das Negative stärker fokussieren, leben also länger.

Baumeister, Bratslavsky und Finkenauer kommen in ihrer weitreichenden und sehr einflussreichen Metastudie „Bad Is Stronger Than Good“ aus dem Jahre 2001 zu folgendem Schluss: Negatives empfinden wir stärker, weil es einen Drang zur Veränderung signalisiert, hin zu einem positiveren Ergebnis. Positives hingegen empfinden wir weniger stark, damit wir schnell wieder nach neuen, noch besseren positiven Erfahrungen suchen.

Wahrscheinlich sind es jedoch viele verschiedene Faktoren, die in die Entstehung des Negativity-Bias mit reinspielen.

Teil 3: Der Irrationalität bewusst sein

Immer dann, wenn ich über die Irrationalität des Menschen lese, bin ich danach etwas betrübt. Ich kann mir vorstellen, dass es einigen von euch ähnlich geht. Oder aber ihr denkt: „Naja, das mag ja für viele zutreffen, aber nicht bei mir!“ Es tut mir leid dich zu enttäuschen, aber doch dich betrifft das auch.

Natürlich ist auch dieser Negativity-Bias bei jedem Menschen anders ausgeprägt als bei anderen, aber präsent ist er trotzdem. Und auch wenn es für uns Menschen einst eine gute Idee war, Negativem mehr Wert zuzuordnen, so gibt es doch heute viele Situationen, in denen er uns behindert.

Wir treffen eher Entscheidungen, in denen wir nichts verlieren, auch wenn wir dabei viel gewinnen könnten. In der Ökonomik bezeichnet man das als Risikoaversion. Wir werten negatives Aussagen tendenziell eher als die Wahrheit, bei positiven sind wir hingegen skeptischer [Hilbig, 2009].

Aber das muss nicht so sein. All diese kleinen Einordnungen treffen wir unbewusst. Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und Psychologe, trennt die Entscheidungsvorgänge in unserem Gehirn in System 1 und System 2. System 1 sind all die kleinen unbewussten Einordnungen. System 2 sind all jene Entscheidungen, über die wir bewusst und (mehr oder weniger) rational nachdenken. Das kostet natürlich mehr Anstrengung und Energie. Aber nun, da wir uns der Irrationalität von System 1 bewusst sind, können wir mit unserem System 2 solche Entscheidungen hinterfragen.

Und genauso können wir auch dem Negativity-Bias entgegenwirken. Nicht immer, aber vielleicht genau dann, wenn es besonders wichtig ist.