Nietzsche und der Nihilismus

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Gott ist tot!

Friederich Nietzsche (1844-1900)
Die fröhliche Wissenschaft (1882 / 1887) – Aph. 125

Das ist wohl das bekannteste und aussagekräftigste Zitat des Philosophen und
Philologen Friedrich Nietzsche, der mit dieser Aussage gewissermaßen eine moderne
Epoche der Philosophie einleitet. Eine Epoche, die sich beißt mit den vielen Theorien und Philosophen vor ihm. Viele nennen ihn auch den ersten etablierten Nihilisten. Was an dieser Aussage dran ist und was nicht, versuche ich in diesem Text zu beleuchten.

Klären wir zuerst einmal die Begrifflichkeit des Nihilismus. Nihilismus in der reinsten Form, ist die Weltanschauung, welche von der kompletten Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Seins ausgeht.

Und schon hier muss ich eigentlich einhaken. In “Also sprach Zarathustra” einem legendären Ausflug in Nietzsches Weltanschauung, welchen er unter starkem Einfluss von narkotischen Mitteln niederschrieb, als er schwer krank war, erklärt uns Nietzsche unmittelbar nach der Aussage “Gott ist tot”, den sogenannten Übermenschen

Dieser Übermensch soll die nächste Evolutionsstufe darstellen und sich zum Menschen verhalten, wie der Mensch sich zu Affen verhält. Was genau die Attribute des Übermenschen sind, ist nur sehr vage definiert und wird vor allem auch sehr unterschiedlich definiert. Die Nationalsozialisten zum Beispiel machten die Theorie des Übermenschen zu einem Ableger des Sozialdarwinismus und zu einer Sache der Biologie, was in meinen Augen nicht wirklich aus den Schriften Nietzsches hervorgeht. Sie definierten den Übermenschen als genetisch überlegen, wie es eben in ihr Weltbild passte. Ich interpretiere den Übermenschen viel mehr als zuallererst frei von der Diktatur von Gut und Böse, Werten und Normen.

Was Nietzsche auch in seinem Werk “Jenseits von Gut und Böse” idealisiert und ganz wichtig am Übermenschen ist eine gewisse philosophische Erkenntnis, die für Nietzsche ganz klar gegeben ist, und zwar die Gegebenheit von endlich vielen Zuständen der Materie, zugleich aber der unendlichen Zeit. Daraus resultiert das Prinzip der ewigen Wiederkehr: Alles hat bereits existiert, alles wird noch mal existieren, alles wiederholt sich.

Und wer das verinnerlicht hat und mit diesem Wissen durch das Leben streifen kann, der ist ein Übermensch. Und das Kirschlein auf der Torte dieser ganzen Theorie – der Sinn aller Existenz ist diese nächste Stufe – Übermensch.

Wenn man sich das auf der Zunge zergehen lässt, so scheint klar zu sein, Nietzsche kann kein Nihilist sein, da er soeben den Sinn aller Existenz genannt hat, welchen die Nihilisten nicht sehen wollen, so vielversprechend der Satz “Gott ist tot” für die antiautoritären Nihilisten auch klingt.

Vielversprechend klingt er für Nihilisten als auch Atheisten und für sich auslegen können beide
Nietzsches Philosophie. Man kann die Intention hinter “Gott ist tot” sehr leicht verbiegen und
abändern, doch fakt ist – Friedrich Nietzsche meinte damit weder, dass Gott nie existiert hat, noch dass er sich wünsche Gott sei tot. Er bezieht sich hier lediglich aufs Scheitern Gottes an der
Menschheit beziehungsweise auf die lebensfeindliche und sinnfreie Entwicklung des Christentums.

Als Atheist kann man ihn dadurch dennoch nicht nennen. Oft genug schreibt Nietzsche über Übernatürliches, was “durch den Menschen zum Menschen spricht” oder über eine “unmenschliche Welt verborgen vom Menschen, die ein himmlisches Nichts ist”.

Das alles spricht eine ziemlich deutliche Sprache, doch irgendetwas muss an der parallele Nietzsche und Nihilismus doch dran sein. 3 Hauptpunkte des Nihilismus scheinen sich nicht in Nietzsches Philosophie wiederzufinden: die Nichtigkeit eines Sinns des Lebens, die Nichtigkeit eines Sinns der Weltgeschichte und die Nichtigkeit einer übernatürlichen Existenz.

Übrig bleiben jedoch noch 2 Grundprinzipien: und zwar die Nichtigkeit von Erkennbaren Tatsachen und die Nichtigkeit von verbindlichen moralischen Werten.

Zu den erkennbaren Tatsachen äußert sich Nietzsche deutlich im “Antichrist” und lehnt die Erkenntnisgewinnung nach Kant völlig ab, da sie in sich widersprüchlich ist. Doch eben nicht nur das spielt dem Nihilisten in die Karten, sondern auch die Ablehnung von verbindlichen Werten und Normen. “Gott ist tot? Na, dann ist doch egal ob ich Unrecht oder Recht tue!” So kann man sich das plump vorstellen.

Im weiteren Sinne aber ist Nietzsches Einstellung dazu mit dem Übermenschen verknüpft, der eben nicht Untertan von Normen und Werten sein soll, sondern ganz frei von ihnen sein soll. Das “Ich will” im Übermenschen soll stärker sein als das “du sollst” in seinem Kopfe. Diese beiden Aspekte weisen also doch darauf hin, dass in Nietzsche ein Stück Nihilismus steckt, wenn auch nicht vollständig. Man kann also denke ich sagen, dass der Nihilismus unter Umständen ein Weg zum Übermenschen darstellt, jedoch nur in positiver und aktiver Form.

Ich will meinen, natürlich wird der pessimistische Nihilist niemals den Übermenschen erfahren, indem er Trübsal bläst und sich darüber aufregt, dass das Leben keinen Sinn habe. Eher denke ich, dass Nietzsches Vorstellung des Übermenschen in die Richtung von optimistischem Nihilismus geht. Optimistische Nihilisten schließen nämlich aus der Sinnbefreitheit von allem was existiert eine grenzenlose Freiheit seinem Leben selbst einen Sinn zu finden und vor allem die Möglichkeit, sich von allem loszusagen, was dir Werte und Normen vorschreibt, ohne dass irgendeine andere Seele darauf Einfluss nehmen kann/muss.

Es ist also nicht ganz eindeutig, zu welchem Grade Nietzsches Philosophie dem Nihilismus entspricht, aber für mich ist das Fazit, das am ehesten der optimistische Nihilismus seine Ansätze trifft und vor allem auch, dass der optimistische Nihilismus die einzige Form des Nihilismus ist, mit der man wirklich glücklich werden kann. -j